Das Waffenverbot in England
Noch nie wurde so viel geschossen wie heute
Von Wolfgang Dicke
(aus der gdp-Zeitschrift "DEUTSCHE POLIZEI", Ausgabe 10/2001)
Ein schreckliches Massaker bestimmte vor fünf Jahren weltweit die Schlagzeilen. Am 13. März 1996 tötete der Amokschütze Thomas Hamilton in der Turnhalle der Dorfschule im schottischen Dunblane 16 Kinder und ihre Lehrerin. Als Folge erheblichen öffentlichen Drucks wurde in Großbritannien das Waffenrecht so sehr verschärft, dass der private Waffenbesitz weitgehend verboten ist.
Das erklärte Ziel war, durch ein Verbot des privaten Waffenbesitzes die kriminelle Verwendung von Schusswaffen möglichst zu verhindern. Jetzt, nach fünf Jahren, beweist die Bilanz, dass dieses Ziel völlig verfehlt wurde. In England wurde noch nie so häufig von Kriminellen geschossen wie heute.
Zu den engagiertesten Befürwortern der Verschärfung des Waffenrechts in England gehörte damals die Police Federation of England and Wales, zu der die GdP traditionell gute und freundschaftliche Kontakte unterhält. Deren Haltung zu diesem Thema war natürlich auch durch die unter britischen Polizistinnen und Polizisten weit verbreitete Haltung geprägt, wonach der Polizeidienst unbewaffnet versehen wird.
In der September-Ausgabe 2001 von "Police", der Zeitschrift der Police Federation of England and Wales, wurde folgendes Fazit zwischen Zielrichtung und Erfolg des britischen Waffengesetzes gezogen: "Die Gesetzgebung nach Dunblane, die die große Mehrheit von Waffen in Privatbesitz verboten hat, hat es nicht vermocht zu verhindern, dass Kriminelle in den Besitz von Waffen gelangen."
Beeindruckendes Zahlenmaterial
Das Zahlenmaterial, auf das sich dieses Fazit stützt, ist beeindruckend, zugleich auch erschreckend, was die offenkundig auch in der britischen Gesellschaft zunehmende Neigung zur Gewaltanwendung angeht. 1954 wurden in London ganze vier Raubüberfälle gezählt, bei denen Waffen benutzt wurden. Heutzutage werden in London täglich vier bewaffnete Raubüberfälle gezählt, rund 1.600 im Jahr. In ganz Großbritannien sind es aktuell 4.000 Raubüberfälle mit Waffen jährlich, eine Zunahme von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Straftaten, bei denen Schusswaffen benutzt wurden, ist in den letzten zehn Jahren ständig gestiegen, von 4993 im Jahr 1990 auf 6.843 im Jahr 2000. In den Jahren 1999 und 2000 zusammen gab es in London 25 Tötungsdelikte mit Schusswaffen. Diese Zahl ist in den ersten acht Monaten des Jahres 2001 bereits erreicht worden. Landesweit wurden im Jahr 2000 62 Tötungsdelikte mit Schusswaffen gezählt - zehn Jahre zuvor, also 1990, waren es 45.
Zerfall sozialer Kontrolle
Die Police Federation of England and Wales sieht mit Sorge, dass es vor allem regelrechte Bandenkriege in Groß-London sind, die für den Großteil von Straftaten mit Schusswaffen verantwortlich sind. Angesichts des Zerfalls sozialer Kontrolle, der gerade in den britischen Innenstädten von der Polizei beobachtet wird, fragen sich dort die Kolleginnen und Kollegen, wie lange es noch dauert, bis es auf den Straßen zu Schießereien mit automatischen Waffen kommt. Das ist keineswegs eine hypothetische Frage, weil die britische Polizei immer häufiger automatische Waffen wie die Kalaschnikow AK 47 oder das amerikanische Sturmgewehr M 16 bzw. die israelische Maschinenpistole UZI sicherstellt.
Zunehmende Bewaffnung
Es tröstet wenig, dass die ärgsten Zustände nur in relativ begrenzten Regionen in den größeren Städten festzustellen sind. Wenn der Bannstrahl gegen den privaten Waffenbesitz nichts genützt hat, um die kriminelle Verwendung von Schusswaffen zu verhindern, drängt sich die Frage auf, woher die zunehmende Bewaffnung von Straftätern kommt. Hierauf versucht der Artikel in "Police" eine Antwort zu finden. Zunächst einmal wird ein noch beachtlicher Bodensatz nicht registrierter Waffen vermutet, etwa in der Größenordnung von rund 1 Million. Diese Waffen, so wird betont, befinden sich nicht in den Händen von Kriminellen, sondern sie stellen einen "grauen Markt" dar, sind also in den Händen von Bürgern, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Privatwaffen nicht abgegeben bzw. nicht haben registrieren lassen. Es wird allerdings vermutet, dass die eine oder andere Waffe aus diesem "grauen Markt" in den "schwarzen Markt" abrutscht, aus dem sich Kriminelle bedienen.
Das ist aber nicht das hauptsächliche Problem. Entscheidende Bedeutung hat der im Grunde genommen weltweite Waffenschmuggel, im Wesentlichen gespeist durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und in jüngerer Zeit die Balkankrise. Im vergangenen Jahr wurden in Dover 24 Handfeuerwaffen und ein Maschinengewehr in einer einzigen Sendung von Ecstasy-Pillen gefunden. Der Behälter, der die Drogen enthielt, hatte noch einmal einen falschen Boden speziell eingerichtet für die Aufnahme von Schusswaffen.
Es gibt auch Fälle schier unglaublicher Dreistigkeit. So haben die Besatzungen russischer Fischtrawler versucht, AK 47-Sturmgewehre in schottischen Fischerdörfern gegen harte Währung zu tauschen.
Täuschend ähnliche Drohmittel
Erhebliche Probleme bereiten der britischen Polizei sogenannte Anscheinswaffen, also Imitate aus Kunststoff oder billigem Druckguss, die Originalwaffen täuschend ähnlich sehen. Als Drohmittel taugen sie allemal - das kennt man auch hierzulande in Deutschland. Natürlich hat man auch in Großbritannien daran gedacht, diese Waffen demselben Bann zu unterwerfen wie scharfe Schusswaffen. Das Problem ist die technische Definition, um solche Imitationen von scharfen Waffen rechtlich einwandfrei von Spielzeug unterscheiden zu können.
Seit den Erfahrungen mit der Waffengesetzgebung nach dem Massaker von Dunblane ist aber bei der britischen Polizei die Einsicht gewachsen, dass das Drehen an der Schraube des Gesetzes keinen Erfolg bringt. Der Blick richtet sich immer mehr auf das eigentliche Problem. Das ist die wachsende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Der Artikel in "Police" stellt hierzu die entscheidende Frage: "Das grundsätzliche Problem ist nicht die Verfügbarkeit von Schusswaffen als solche, sondern die Veränderung im persönlichen Verhalten. Es gab in den vergangenen Jahren eine weit größere Verfügbarkeit von Schusswaffen, aber weniger Straftaten mit Schusswaffen. Warum? Das ist jetzt die wichtigste Frage."
Ein möglicher Ansatz wird in "Police" im Konsum von Videos gesehen. Es wird eine Untersuchung zitiert, die nach dem Dunblane-Massaker durchgeführt wurde. Danach zeigten die zehn beliebtesten Leih-Videos durchschnittlich 13 Morde mit Schusswaffen. Diese Hitliste wurde angeführt von dem Video "True Lies", das eine Schusswaffe alle 7,9 Sekunden im Bild hat und eine Tötung durch Schusswaffen alle 2,7 Minuten zeigt. Der Amokschütze von Dunblane, Thomas Hamilton, hatte beiseiner Vernehmung zugegeben, dass er bestimmte Videos "wegen der Waffen" besonders mochte.
(aus DEUTSCHE POLIZEI 10/2001)
Dazu passt auch sehr gut dieser TV-Bericht vom WDR:
Ein Filmbeitrag vom WDR zum Thema Jugendkriminalität in Liverpool / England trotz Totalverbot privater Waffen:
"We will make the Streets safer" Ex-GB-Innenminister Straw als Begründung der in Winnenden so gelobten Waffenverbote. Das Ergebnis aus England - hier die grausame Realität:
http://www.veoh.com/watch/v18443979At433ZTt
Watch Die Kindergangs von Liverpool - Krieg in den StraÃen der Beatles in Bildung & Ratgeber | View More Free Videos Online at Veoh.com